„Wer 22 Leute bändigen kann, hat auch im normalen Leben Vorteile“

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Torsten Perschke, Vorsitzender des Schiedsrichter-Ausschusses im Fußballkreis Unna/Hamm, im Interview

Fußball: Unter den Schiedsrichtern im Fußballkreis Unna/Hamm genießt Torsten Perschke (Bild) weiterhin das volle Vertrauen. Der 44-Jährige von Germania Hamm wurde  jüngst auf dem Kreistag in Bönen einstimmig als Vorsitzender des Schiedsrichter-Kreis-Ausschusses für weitere drei Jahre gewählt. Die sku-Redaktion sprach mit Torsten Perschke über die allgemeine  Lage  in der „Schiedsrichterei“, insbesondere  im Fußballkreis Unna/Hamm.

sku: Wie stellt sich derzeit die Situation im Fußballkreis Unna/Hamm dar?
Torsten Perschke:
„In unserem Kreis pfeifen derzeit rund 300 Schiedsrichter. Das ist zufriedenstellend, denn wir können alle Klassen bis zu den D-Junioren mit Kollegen besetzen. Die Zahlen sind seit Jahren stabil. Und damit gehören wir zu den vier- bis fünftgrößten Kreisen im Verbandsgebiet. An dieser Stelle will ich aber auch noch einmal meinen Dank aussprechen für den nimmermüden Einsatz aller Kollegen zum Wohle des Jugend- und Amateurfußballs. Jeder opfert nicht nur viel Zeit, sondern ist außerordentlich engagiert.“

sku: Wie können Sie diese Zahlen stabil halten?
Torsten Perschke:
„Wir führen zwei Mal im Jahr Anwärtergänge durch. Der Zulauf ergibt sich zum einen durch Mundpropaganda, durch die Presse und neuerdings auch über Facebook. Hier ist eine hohe Erreichbarkeit gegeben. Dabei muss man aber auch in Kauf nehmen, dass Schiedsrichter mal gemobbt werden.“

sku: Wie Sind Sie im Kreis Unna/Hamm aufgestellt?
Torsten Perschke:
„Wir haben drei Schiedsrichter-Kameradschaften. Hamm, Unna und Kamen/Bergkamen. Das funktioniert gut. Die drei Gruppen-Obleute, Michael Zahorodny, Heiko Rahn und Heinz-Günter Heinrichsen,  leisten tolle Arbeit. Es finden monatliche Belehrungsabende statt. Jeder Schiedsrichter im Kreis kann und muss daran teilnehmen. Darüber hinaus laufen  Lehrgänge für Leistungsklassen- und Förderschiedsrichter, Halbzeittagungen und jährlich eine  kreisliche Überprüfung. Schiedsrichter aus unserem Kreis haben Spielleitungen in den angrenzenden Kreisen Iserlohn, Lüdinghausen, Beckum, Dortmund und Soest.“

sku: Wie können Sie denn junge Menschen für die Schiedsrichterei begeistern?
Torsten Perschke:
„Da hilft uns natürlich die Bundesliga, wo die Kollegen in den Stadien sowie in den Medien präsent sind. Das sind Vorbilder. Und die Chance, auch ganz nach oben kommen, ist ja durchaus gegeben. Der Job des Schiedsrichters ist aber auch persönlichkeitsbildend.  Denn wer 22 Leute bändigen kann, hat auch im normalen Leben Vorteile. Dennoch ist das Leben eines Schiedsrichters kein leichtes.“

sku: Wie sind Sie denn zu dem Job gekommen?
Torsten Perschke: „Ich habe damit aus Überzeugung begonnen. Das war vor 28 Jahren. Ich hatte aus Spaß ein paar Spiele bei der Germania geleitet, bei der kein Schiedsrichter war. Und das hat mir dann so viel Spaß gemacht, dass ich dabei geblieben bin.“ Schiedsrichter zu sein. bedingt aber auch einen gewissen Zeitaufwand. Man muss bedenken, dass es fast ehrenamtlich geschieht, mehr ein Hobby. Mit den Spesen kann man keinen Reichtum erwerben. Das ist klar, also steht der Spaß im Vordergrund. Mein Amt als Vorsitzender des Kreis-Schiedsrichter-Ausschusses würde bei unserer Größe eine Vollzeitkraft ausmachen. Man steht aber auch noch im Beruf. Insofern ist man auf Unterstützung angewiesen.  Wir haben Gott sei Dank einen engagierten Ausschuss, die mir viel Arbeit abnimmt.“

sku: Leider sind Probleme nicht von der Hand zu weisen. Sind die Schiedsrichter schlechter oder die Spieler aggressiver geworden?
Torsten Perschke:
„Das ist ja nicht allein ein Problem des Fußballs. Der Respekt hat allgemein drastisch abgenommen. Es werden einfach keine Grenzen mehr angenommen und auch nicht eingehalten. Schauen Sie auf Lehrer oder Polizisten, ihnen wird auch nicht mehr der nötige Respekt entgegen gebracht. Auch in den Familien schwindet die Autorität der Eltern. Das ist insgesamt gesehen  ein gesellschaftliches Problem.“

sku: Was war denn das Schlimmste, das Sie bislang auf dem Fußball-Platz erlebt haben?
Torsten Perschke: Ich habe ja den Vorteil gehabt, dass ich früher meist in Stadien gepfiffen oder an der Linie gestanden habe, wo die Zuschauer durch einen Zaun vom Spielfeld getrennt waren. Angst hatte ich aber auch einmal. Das war bei einem Drittliga-Spiel zwischen Preußen Münster und Wattenscheid, als ich als Assistent von Thorsten Kinhöfer an der Linie tätig war. In der ersten Halbzeit hatten drei Preußen-Spieler Rot gesehen, da sind die Münsteraner Fans auf die Barrikaden gegangen. Wir sind dann am Ende unter Polizeischutz vom Stadion weggefahren. Und bei einem Kreisliga-B-Turnier stand ein türkischer Spieler Nase an Nase vor mir. Da dachte ich auch, der klatscht mir gleich eine.“

sku: Aber das kann doch keinen Spaß machen. Wohin soll das noch führen, was ist zu tun?
Torsten Perschke: Ich beobachte das oft bei meinem Sohn Luca, der im Jugendbereich Spiele leitet. Was da teils von den Eltern kommt, was die an der Seitenlinie veranstalten und auf was für einem Niveau die auf den Schiedsrichter losgehen, das ist unfassbar. Sicher hat nicht jeder Schiedsrichter Bundesliga-Klasse. Aber das gibt doch niemandem das Recht, so beleidigend zu werden. Und die Ausschreitungen auf den Fußballplätzen nehmen mehr und mehr zu.“

sku: Konkret, wie kann man solchen Auswüchsen wirksam begegnen?
Torsten Perschke: „
Die Sportgerichtsbarkeit, auf den unteren Ebenen die Spruchkammern, müssen auf jeden Fall härter durchgreifen, knallharte Strafen aussprechen, wenn Schiedsrichter beleidigt oder tätlich angegriffen werden. In unserem Kreis findet ein regelmäßiger Kontakt mit der Kreisspruchkammer statt.“

sku: Was kann man denn machen, um die Unparteiischen, egal wie alt sie sind und in welcher Liga sie pfeifen, besser zu schützen?
Torsten Perschke: „Auf dem Platz kann man dem Schiedsrichter nicht helfen. Da muss er alleine durch. Man kann aber auf den regelmäßigen Schulungsabenden auch zur Persönlichkeitsbildung beitragen. Das kann stärken.“

sku: Also ist der Schiedsrichter-Job kein so spaßiges Hobby?
Torsten Perschke: „In der Bundesliga hat das sicher nichts mit Vergnügen zu tun. Das ist ja nicht gerade toll, wenn man montags mit Tomaten auf den Augen in der Zeitung abgebildet wird. Das ist nicht ohne, zumal jede strittige Situation ja noch aus 15 verschiedenen Kamera-Positionen bewertet wird. In den unteren Ligen ist das sicher etwas anders. Da pfeift man, und dann hat sich die Sache meistens erledigt.“

sku: Aber wäre es nicht eine große Hilfe, im Gespann zu arbeiten? So wie es ab der Landesliga aufwärts üblich und verpflichtend ist. Dann hätte der Schiedsrichter durch zwei Assistenten die notwendige Unterstützung.
Torsten Perschke: „Das wäre für jeden Referee sicher eine große Hilfe. Aber dann würden zwei neue Probleme auf uns zukommen. Zum einen hätte der Verein dadurch mehr Ausgaben, da er nicht einen, sondern drei Schiedsrichter zu bezahlen hätte. Das ist vielen Clubs zu teuer. Zum anderen würden auch wir an unsere Kapazität-Grenze stoßen. Denn dann wären ja pro Wochenende deutlich mehr von unseren Jungs im Einsatz. Das würde bedeuten, dass die meist zwei Spiele sonntags leiten müssten. Morgens ein Jugendspiel, nachmittags dann im Seniorenbereich. Aber von der Grundidee wäre das sicher eine gute Sache. Denn zwei Leute mehr bewirken auf jeden Fall, dass es ruhiger zugeht. So fordert zum Beispiel der VfL Kamen in der Bezirksliga zu jedem Heimspiel ein Gespann an.“

sku: Hat es jüngst zum Tod des niederländischen Linienrichters Reaktionen gegeben, gar Austritte?
Torsten Perschke:
„Sicher hat dieser Vorfall hohe Wellen auch unter uns Schiedsrichtern geschlagen. Es gab dazu einige Gespräche, wo großes Bedauern zum Ausdruck gebracht wurde. Austritte dieserhalb hat es nicht gegeben. Es wurde eine Gedenkminute abgehalten.“

sku: Derzeit hagelt es Kritik nach den Champions League-Spielen, beispielsweise zum Spiel BVB – Malaga, wo klare Abseitsstellungen, die zu Toren führten,  nicht geahndet worden sind. Können Sie das nachvollziehen??
Torsten Perschke:
„Das kann ich sehr wohl. Da sind sechs Schiedsrichter  im Einsatz –  Schiri, Gespann, vierter Unparteiischer und zwei Torrichter –  und keiner will gesehen haben, dass es klare Abseitsstellungen gab. Für mich schwer nachzuvollziehen. Ich bin da auch ein Befürworter von technischen Hilfsmitteln, also Torkameras. Das würde unseren Job erleichtern. Aber in den unteren Ligen ist das  wohl vorerst nur Wunschdenken.“

sku: Herr Perschke, vielen Dank für das Gespräch.“

 

 

 

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