Trotz Absage des HSC-Adventsfensters darf traditionelle Geschichte von Gerd Kolbe nicht fehlen

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23. Dezember: Das wäre der Termin für das traditionelle Adventsfenster des Holzwickeder SC, einem gemütlichen Beisammensein im Ballhaus mit Mitgliedern, Spielern, Freunden und Sponsoren des Vereins, gewesen. Dazu gehörte auch seit vielen Jahren eine wahre und immer selbst geschriebene Weihnachtsgeschichte von HSC-Aufsichtsratsmitglied, Ex-Pressesprecher der Stadt Dortmund und Fußball-WM Organisationschef für Dortmund, Gerd Kolbe.

COVID-19 verhindert in diesem Jahr das Adventsfenster. Die Tore des Montanhydraulik-Stadions wie auch der Haarstrangsportanlage sind geschlossen. Kein Ball rollt. Alle Aktivitäten auf null. Alles geschieht virtuell – oder mittels traditioneller Weihnachtswünsche im Internet oder auf Plakaten. So schreibt der HSC-Vorstand in der Jahresbotschaft unter anderem: „Umso mehr ist es uns eine Herzensangelegenheit, Ihnen Danke zu sagen, danke für Ihre Unterstützung, danke für Ihre Treue und danke für Ihr Bekenntnis zum HSC. Ohne Sie und Ihren Support wäre es uns nicht möglich, einen Verein dieser Größenordnung zu führen und zu finanzieren. Mit Stolz vermelden wir weiterhin mehr als 1.600 Mitglieder, unsere Jugendabteilung wächst weiter, unsere Oberligamannschaft machte uns allen bis zum „Stopp“ viel Freude, und auch die Abteilungen Gesundheitssport, Radsport und Highlander blicken positiv nach vorne.“

Auch in Pandemie-Zeiten: Die Weihnachtsgesichte von Gerd Kolbe gehört einfach dazu

Auch wenn es keinen Glühwein, Kekse oder Gesang im Ballhaus in diesem Jahr gab, so erfreut Gerd Kolbe doch alle mit einer neuen Geschichte. Wir dürfen mit Genehmigung des Autors Gerd Kolbe das Werk abdrucken.

Bildzeile: Noch im vergangenen Jahr konnte Gerd Kolbe „live“ eine selbst geschriebene Weihnachtsgeschichte im Ballhaus präsentieren. Aufmerksame Zuhörer waren unter anderem auch Rolf Unnerstall und Alt-Bürgermeister Jenz Rother.

Blinde BVB-Fans „sehen“ ein Spiel!

Karl „Charly“ Schiemann saß in „seiner“ Telefonzentrale der Westfälischen Rundschau zu Dortmund und war mit sich und dem Leben zufrieden. Denn am vergangenen Samstag, also am 10. Dezember 1977, hatte er im Westfalenstadion im Kreise lieber Freundinnen und Freunde etwas Tolles erlebt. Ein Fußballspiel nämlich, garniert mit einer unverhofften vorweihnachtlichen Überraschung, die alle Erwartungen übertraf.

Wie bitte? Ein Fußballspiel als vorweihnachtliche Überraschung? Na so was!

Hier die Hintergründe:
Karl Schiemann war blind. Deshalb auch sein Job hier in der Telefonzentrale, den er trotz seiner Behinderung perfekt ausüben konnte. In seiner Freizeit engagierte er sich im Vorstand des hiesigen Vereins für Blinde und Sehbehinderte für die Belange seiner Leidensgenossinnen und -genossen, die übrigens fast alle – ebenso wie er – leidenschaftliche BVB-Fans waren.

Ab und zu hatte der „Charly“ Zeit und Muße, über Gott und die Welt nachzudenken. In diesem Zusammenhang war ihm vor ein paar Wochen ein kühner Gedanke gekommen, der ihm rückblickend fast wie eine Fügung erschien:

Wie wäre es, so sinnierte er damals vor sich hin, wenn er den BVB bäte, mit seinem Club einmal ein BVB-Spiel im Westfalenstadion besuchen zu dürfen, um das unvergleichliche Fluidum und die überwältigende Atmosphäre vor Ort hautnah zu erleben? Von den tollen Fan-Gesängen ganz zu schweigen…

Gedacht, getan! Und so flatterte einige Tage später sein Brief auf den Tisch der BVB-Geschäftsstelle, die sich damals noch unterhalb der Stadion-Nordtribüne befand. Der Vorstand mit dem zupackenden Bergwerksdirektor Heinz Günther an der Spitze fand den Vorschlag klasse und teilte dies auch dem „Herrn Schiemann vom Blindenverein Dortmund“ mit. Zwölf Personen dürften insgesamt kommen, so die Einladung. Zur Partie des BVB gegen die „alte Dame“ Hertha BSC Berlin. Die Frage, wo man die sehbehinderten Gäste am besten unterbringen könnte, war rasch geklärt. Befand sich doch unter dem Stadion-Dach eine Regiebühne, eingerichtet für die Rundfunk- und Fernsehübertragungen der Fußball-Weltmeisterschaft 1974. Dort gab es geräumige Kabinen, in denen 15 Personen bequem Platz fanden. Zum Spielfeld hin offen, vermittelten sie das Geschehen auf dem Feld und auf den Rängen so direkt und prickelnd, dass es einem manchmal regelrecht kalt den Rücken hinunterlief.

„Charly“ Schiemann war hellauf begeistert über die BVB-Info und suchte geschwind elf weitere Vereins-Kollegen*innen für die „Mission Borussia“ aus.

Am Spieltag fand sich die Gruppe eine gute Stunde vor dem Anpfiff in der Geschäftsstelle ein, wo man schon erwartet wurde. BVB-Vizepräsident Wolfgang Polak begrüßte sie und gab seiner Freude über den Besuch Ausdruck. Er hatte sogar drei Mitglieder des Fanclubs dafür gewonnen, die blinden Fans zu betreuen. Das war auch erforderlich, denn der Weg zur Regiebühne war „nicht ganz ohne.“

Aber dank der guten „Wegweiser“ klappte alles wie am Schnürchen. Exakt um 15.00 Uhr erreichten sie die Regiebühne und fanden in ihrer Kabine die erste kleine Überraschung vor: Der BVB hatte für jeden eine Nikolaustüte mit vorweihnachtlichen Leckereien vorbereitet. Und wer wollte, konnte auch noch einen wärmenden Glühwein zu sich nehmen. Es war ja schließlich Winter. Natürlich wollten alle! Lecker, lecker!!

Die Einstimmung auf das große Ereignis war gelungen. Man hörte schon die Kulisse der 30.000, die aus voller Brust „Heja BVB“ sangen. Die Gäste auf der Regiebühne machten spontan mit. Es klang wie ein gut einstudierter riesiger Opernchor.

Doch dann kam der eigentliche Knüller, denn unbemerkt hatte sich noch jemand in die Kabine „geschlichen“. Es war der Rundfunkreporter Armin Hauffe vom Westfalenstudio Dortmund. Er übertrug normalerweise die Bundesliga-Spiele für den Hörfunk, hatte aber heute frei. Eigentlich. Denn als der BVB ihn bat, für die sehbehinderten „Special Guests“ das Match zu reportieren, sagte er gern zu und bereitete für seine heutige Hörerschaft sogar einige besondere Schmankerl vor.

Dass Herthas „Ellis“ Granitza aus Lünen stammte und bei Eintracht Dortmund seine ersten fußballerische Akzente gesetzt hatte, gehörte ebenso dazu wie der Hinweis, dass Berlins Torhüter Norbert Nigbur ja eigentlich ein Schalker Junge war…. Bitte? Ein Schalker? War das überhaupt erlaubt?

Besonders hatte es Hauffe Borussias Linksaußen angetan. Der stets humorvolle Willi aus dem Hause Lippens, „Ente“ genannt, wäre sicherlich bei den „Schwänken aus seinem Leben“ in lautes Gelächter ausgebrochen.

Der unbestreitbare Höhepunkt allerdings war die Reportage der 90 Minuten des Spiels. Unvergesslich! So anschaulich wurden die Spielzüge geschildert, so konkret die Taktiken dargelegt, dass man den Eindruck hatte, selbst auf dem Platz zu stehen und mitzuspielen.

Als ein gewisser Dieter Nüssing in der 25. Minute das 1:0 für die Hertha erzielte, vermittelte Hauffe detailliert die entsetzte Reaktion von BVB-Trainer Otto Rehhagel, der anschließend wild gestikulierend am Spielfeldrand auf und ab lief. Er beruhigte sich erst, als Peter Geyer gut zehn Minütchen später den Ausgleich markierte. Das war dann gleichzeitig auch schon das Endergebnis.

In der zweiten Halbzeit war nicht mehr allzu viel los dort unten auf dem grünen Rasen. Hauffes Reportage allerdings war und blieb ein verbales Feuerwerk vom Allerfeinsten.

An all das dachte der gute „Charly“ Schiemann zurück, als er jetzt an seinem Arbeitsplatz in der besagten Telefonzentrale saß. Ja, der BVB hatte ihnen allen eine wunderbare vorweihnachtliche Freude gemacht. Und ja, sie waren unisono der Meinung, das Spiel wirklich und wahrhaftig „gesehen“ zu haben.

Armin Hauffe, der Meister der mitreißenden Formulierungen, hatte im wahrsten Sinne des Wortes ein Licht in das Dunkel ihres Lebens gebracht.

Welch eine schöne Einstimmung auf das Fest der Liebe und der Hoffnung auf eine bessere Welt!

Frohe Weihnachten!

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