HSC-Mentalitätsmonster schlagen wieder zu: 3:2-Last-Minute-Erfolg beim Liga-Topfavoriten Meinerzhagen

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Fußball-Oberliga Westfalen: RSV Meinerzhagen – Holzwickeder SC 2:3 (0:2). Was für eine Dramatik im Stadion an der Oststraße in Meinerzhagen. Da führte der Gast aus Holzwickede zur Halbzeit mit 2:0, muss gegen einen in den zweiten 45 Minuten drückend überlegenen RSV Meinerzhagen das 2:2 hinnehmen und kommt durch einen Treffer in der 93. Minute doch noch zum 3:2-Auswärtserfolg.

Doch dieses Tor war umstritten und führte zu heftigen Diskussionen auf und neben dem Platz. Unter Schutz der Ordner musste Schiedsrichter Tim Zahnhausen den Kunstrasenplatz verlassen und sich so manchen komplett-überflüssigen Kommentar anhören: Seine (richtige) Entscheidung stand und damit der Erfolg des Holzwickeder SC, mit dem im Vorfeld wohl nur die wenigsten Großoptimisten gerechnet hatten.

250 Zuschauer, darunter gut 40 Anhänger aus Holzwickede, machten bei Sonnenschein, aber kühlem Wind sowie Temperaturen unter zehn Grad von Beginn an Stimmung und wurden für ihre gesanglichen und lautstarken Einlagen von den 22 Aktiven auf dem Platz belohnt. Es war ein sehenswertes, attraktives Match.

Für den RSV Meinerzhagen war das Spiel die Chance, nach Niederlagen zuhause gegen Haltern (2:4) und am Donnerstag in Siegen (0:1) mit einem „Dreier“ wieder oben mitzuspielen und damit dem erklärten Ziel „Aufstieg“ wieder etwas näher zu kommen. Doch den Sauerländern merkte man die Verunsicherung nach dem 0:1 in Siegen zu Beginn an. Der HSC ging früh in die Zweikämpfe, presste, stand in der Defensive gut und deutete seine Gefährlichkeit in Konter- und Überzahlsituationen an. Die einzige Chance in Halbzeit eins hatten die Meinerzhagener in der 15. Minute. Til Bauman flankte von rechts, in der Mitte schaffte sich Torjäger Ron Berlinski Platz. Sein wuchtiger Kopfball ging um Zentimeter über die Latte des HSC-Gehäuses. Das war es dann aber auch schon mit der ganzen Herrlichkeit der Gastgeber, immerhin Westfalenpokalsieger 2020, erst in der ersten Verlängerung der ersten Runde des DFB-Pokals dem Zweitligisten Greuther Fürth unterlegen und nur durch die Quotientenregelung nicht Aufsteiger in die Regionalliga.

2:0-Halbzeitführung für den HSC eigentlich zu wenig

Sebastian Hahne antwortete auf die Berlinski-Chance auf seine Art. Schuss wurde von Johannes Focher, Ex-Keeper der Amateure von Borussia Dortmund, zur Ecke abgewehrt (25.). Nach einer Ecke von Enis Delija traf René Richter nur die Latte (26.). In der 28. Minute klingelte es dann: Enis Delija flankte exakt auf Robin Schultze, der zur verdienten 1:0-Führung einschoss. Einmal in Fahrt gekommen, legte Robin Schultze gleich nach und traf aus dem Gewühl heraus im Strafraum mit einem mächtigen Schuss unter die Latte zum 2:0 (32.). Der HSC hätte noch höher nachlegen können, ja müssen. René Richter (43.) und Moritz Müller (44.) scheiterten in 1:1-Situationen an Johannes Focher. Ein 3:0 oder ein 4:0 wären mit Sicherheit die Vorentscheidung gewesen – so ging es mit einem verdienten, aber gefährlichen 2:0 in die Kabine.

Zwischen 45. und 60. Minute Sturmlauf und Druckphase des RSV

Es kam, was kommen musste. Angepeitscht von den Fans und mit drei Auswechslungen kam der Liga-Favorit wie verwandelt aus der Kabine und baute von der ersten Minute einen ungemeinen Druck auf. In der 47. Minute parierte der „fliegende Kevin Beinsen“ im HSC-Tor einen Kopfball von Rom Berlinski der Marke „unhaltbar“ und lenkte das Geschoss irgendwie noch über die Latte. In der 50. Minute ging ein Schuss an den Innenpfosten, von dort machte der eingewechselte Ewald Platt den Ball noch mal scharf, legte auf Ron Berlinski und der drückte das Leder unter Einsatz seines mächtigen Körpers zum 1:2 in die Maschen.

Abwehrschlacht des HSC

Der Sturmlauf war eröffnet. Til Baumann auf Hakan Demir, Bruder des Trainers – doch der scheiterte mit dem Kopf (51.). Kopfball Berlinski – vorbei (59.). Dann parierte Kevin Beinsen einen abgefälschten Berlinski-Schuss in Weltklasse-Manier (67.) – in dieser Phase konnte es einem, soweit das Herz für den HSC Schlug, angst und bange werden. Weiter ging es mit Chancen im Minutentakt. Nik Kunkel (74.) oder immer wieder Ron Berlinski – ihnen fehlte das letzte Quäntchen Glück. Der HSC hatte in dieser Phase nur einen gefährlichen Freistoß von Enis Delija aus 20 Metern, der knapp am linken Pfosten vorbeisegelte, eine Halbchance. Es war „Maloche pur“ beim HSC angesagt. Die Spieler warfen sich in die Zweikämpfe, liefen unzählige Extra-Meter und kämpften, um die Führung zu verteidigen.

Gutgehen konnte das nicht. Der ins Spiel gekommene Adil Elmoueden verwertete eine der in den Strafraum segelnden Flanken zum 2:2-Ausgleich (87.). Ein dummer Moment kurz vor Schluss – aber die Messe war noch nicht gelesen. Der RSV wollte nun mit aller Kraft den Dreier – und es kam aber ganz anders.

„Unfair“ oder „intelligent“ – am Ende jubelte der HSC

Es kam die 93. Minute. Wieder einmal hatte ein Schuss das HSC-Tor um Zentimeter verfehlt. Dann sackte Raphael Gräßer vom RSV Meinerzhagen zu Boden, hatte wohl muskuläre Probleme. Unterbrochen war das Spiel allerdings nicht, Referee Tim Zahnhausen fragte den Spieler im Vorbeilaufen, ob er eine Behandlung brauche. HSC-Keeper Kevin Beinsen erkannte die Situation sofort. Er holte sich selber den Ball hinter seinem Tor und sah, noch vor der Mittellinie und damit nicht im Abseits stehend, Nico Berghorst. Der brachte den mächtigen und präzisen Abstoß schnell unter Kontrolle und stürmte einsam und allein auf das Sauerländer Tor zu. Den aufgerückten Torhüter Johannes Focher umspielte er dabei noch elegant und hatte „freie Bahn Richtung Glück zum 3:2“ für den HSC (90.).

Kurz darauf war Schluss. Die Meinerzhagener Spieler waren zum Großteil außer sich, viele, wenig zitierfähige Worte fielen Richtung Schiedsrichter und auch HSC. „Unfair“ war noch das harmloseste Wort dabei. Schiri Tim Zahnhausen verteilte noch gelbe Kartons an Offizielle – das war es dann. Es war ein regelkonformes Tor gewesen – aber natürlich sehr zum Missfallen des Gastgebers.

Bildzeile: Nach dem Sieg in Meinerzhagen ließ sich die Mannschaft von den mitgereisten Fans feiern.

Fazit: Der HSC zeigte eine grandiose erste Hälfte, musste aber der Qualität des RSV in den zweiten 45 Minuten Tribut zollen. Dann aber zeigte sich eine Stärke der Holzwickeder, die in Spielen der letzten Monate zum Beispiel in Ahlen oder Siegen zu Tage getreten war: Da sind wirklich Mentalitätsmonster am Werk. Und die schießen Tore auch mal in letzter Sekunde und wie aus dem Nichts. Platz 2, 18 Punkte, 20:4 Tore bei sechs Siegen in sechs Spielen – mehr geht nicht.

RSV: Johannes Focher, Sven Wurm, Nik Kunkel, Ron Berlinski, Tim Treude (46. Ewald Platt), Ansgar Pflüger (46. Hakan Demir), Raphael Gräßer, Alessandro Tomasello, Til Bauman, Can Sakar (46. Julian Moritz Jakobs), Musa Mankay Sesay (73. Adil Elmoueden).
HSC: Kevin Beinsen, Moritz Müller, René Richter (62. Marcel Duwe), Enis Delija, Sebastian Hahne (86. Tomislav Ivancic), Nils Hoppe, Robin Schultze, Mohamed Yarhdi (71. Justin Pfaff), Mitco Gohr, Nico Berghorst, Lennart Uedickoven.
Tore: 0 : 1 Schultze (28.), 0 : 2 Schultze (32.), 1 : 2 Berlinski (50.), 2 : 2 Elmoueden (87.), 2 : 3 Berghorst (90+3).
Schiedsrichter: Tim Zahnhausen (SpVgg Horsthausen).
Zuschauer: 250.
HSC-Bestnoten: Kevin Beinsen, Enis Delija, Nils Hoppe, Robin Schultze

Trainerstimmen
Axel Schmeing (HSC): In der ersten Halbzeit waren wir die klar bessere Mannschaft. Der RSV Meinerzhagen hat da nicht stattgefunden. Ich muss da allerdings meiner Mannschaft den Vorwurf machen, dass sie das dritte und vierte Tor trotz großer Chancen nicht erzielt hat. In der zweiten Hälfte hat sich das Blatt dann gewandelt. Meinerzhagen hat gezeigt, warum sie der Top-Favorit der Oberliga sind. Da haben sie ihre große Qualität in der Breite gezeigt. Es war dann ein Spiel auf ein Tor.
Mutlu Demir (Meinerzhagen): Wir haben unnötig verloren. Die Leistung der ersten Halbzeit nehme ich auf meine Kappe. Da habe ich die falsche Taktik gewählt. In der zweiten Hälfte haben wir umgestellt und waren dann die klar bessere Mannschaft. Zum Siegtor in der 93. Minute für Holzwickede möchte ich nur sagen, dass wenige Minuten vorher auch ein Holzwickeder Spieler verletzt am Boden lag und wir ihm sogar geholfen haben. Da war das Spiel unterbrochen. Warum das bei uns nicht so war, ich verstehe es nicht. Vielleicht ist meine Mannschaft auch einfach zu brav.

HSC-Spielerstimmen
Nils Hoppe (Kapitän HSC): Zur Halbzeitpause haben wir völlig verdient mit 2:0 geführt. In der 80. Minute hätte ich allerdings dann auch ein 2:2 unterschrieben. Dass es jetzt mehr ist – super.
Robin Schultze: Meinerzhagen ist eine Top-Mannschaft. Was die da an Qualität auf den Platz bringen, das ist großartig. Man darf aber auch nicht vergessen, dass der RSV am letzten Donnerstag erst noch spielen musste und dabei beim 0:1 in Siegen viele Körner verloren hat. Das hat man heute manchmal gemerkt. Dennoch: Es macht Spaß in dieser Truppe, wir haben ein tolles Team. Schade, dass jetzt wieder eine Zwangspause kommt.

HSC jetzt erst mal mit Corona-Zwangspause

Da der Kreis Unna sämtliche Spiel- und Trainingsaktivitäten bis einschließlich 25. Oktober untersagt hat, finden zwei Spiele des HSC nicht statt. So fällt das geplante Nachholspiel am Donnerstag, 15. Oktober, im Montanhydraulik-Stadion gegen Schermbeck aus. Auch das Spitzenspiel daheim gegen die TSG Sprockhövel am Sonntag, 25. Oktober, fällt den Corona-Regelungen zum Opfer. Ob am kommenden Sonntag, 18. Oktober, auswärts bei Westfalia Herne gespielt werden kann, ist noch offen. Die Inzidenz-Rate der Stadt Herne ist ebenfalls sehr hoch und eine der höchsten in NRW. Da der Kreis Unna neben dem Wettkampfsport auch Trainings verboten hat, wird der HSC auch verordnungskonform keine Trainingseinheiten in Holzwickede absolvieren – bis zum 25. Oktober. „Wir bleiben aber im Training“, verspricht HSC-Trainer Axel Schmeing. In Holzwickede wird er es allerdings nicht dürfen.

Bildzeile: Lennart Uedickoven wirft sich in dieser Szene in einen Meinerzhagener Angriff. Doppel-Torschütze Robin Schultze (li.) schaut zu.

 

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